Um Blues und Groove
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LAUDATIO FÜR MANFRED MILLER

den Lahnsteiner Bluespreisträger
"Blues Louis" 2020

von Tom Schroeder


Blues-Louis für Manfred Miller: Er hat den Blues schon etwas länger.

Wenn man den Ausdruck „Blues“ googelt, erlebt man ein kleines blaues Wunder: mehr als eine halbe Milliarde Nennungen. Manfred Miller kommt nicht ganz so häufig vor. Dennoch kann man, mit einem schönen Wortspiel von ihm, über ihn sagen:
Der Blues und Manfred Miller gehören zusammen – wie Boogie und Woogie. Anders gesagt: Der Blues und der Blues-Miller sind wie: Rolling and Tumbling, Rock and Roll, Twist and Shout, Body and Soul, Leib und Seele, Adam und Eva, oder auch: Mainz und Kastel – da sind wir gerade, hier im Wohnzimmer von: Manfred Miller, Jahrgang 1943, österreichischer Pass, aufgewachsen in Bremen. 1962 erste Sendung für Radio Bremen, für die Jazz-Redaktion. Ihr Leiter damals: Siegfried Schmidt-Joos. Der geht 1968 zum SPIEGEL, Manfred Miller wird sein Nachfolger.

Mainz 1970, am „langen Tisch im Gonsbachtal“ nimmt Platz: die Liebe. Damals hieß sie noch Ingrid Bahr, seit 1979 heißt sie Ingrid Bahr-Miller. Ab 1980 ist Manfred festangestellter Kulturredakteur beim Mainzer Südwestfunk, SWF.
Ein Jahr später: das SWF-Landesstudio wird 30. Zur Feier des Tages soll auch etwas für „die jungen Leute“ gemacht werden. „Machen wir ein Bluesfestival!“, schlägt Miller vor.
Gesagt, getan. Zusammen mit einer Handvoll Freunden und Kollegen und ihren Frauen und Freundinnen präsentiert er (auch als Moderator) das erste SWFBluesfestival in Lahnstein, am Freitag, dem 16. im friedensbewegten Oktober 1981. Das kommt beim Publikum so gut an, dass es einfach fortgesetzt werden muss. Übrigens der Arbeitstitel 1981: Blues in Deutschland. Die Handtücher für die Musiker stammen noch aus unseren privaten Kleiderschränken.

MMM. Manfred „Multitasking“ Miller – es gibt wohl kaum einen Job in Funk und Fernsehen, den er zwischen und neben Redaktion, Studio, Ü-Wagen und Konzert noch nicht gemacht hätte: Aufnahmeleiter, Autor, Archivar, Ansager, Ausputzer, Konzeptplaner, Programmheftschreiber, Produzent, Regisseur, Cutter, Mischer, Reporter. Zum Spaß kann er aus dem Stand eine Fußballreportage zweier Phantasie-Vereine liefern, auf Herbert Zimmermann-Niveau, mindestens. Er hat unzählige Bluesstücke kongenial ins Deutsche übertragen, vor allem in seiner einflussreichen Radiosendung BLUES TIME, 2. Programm SWF/SWR.

Kennengelernt hatten Manfred und ich uns bei den Internationalen Essener Songtagen 1968, er war Referent, ich Mitveranstalter und Ansager. Durch ihn kam ich ins Autorenteam der 13-teiligen Fernsehserie "Sympathy for the Devil", sie wurde Anfang der 1970er Jahre von Horst Königstein produziert (DVDs dieser Serie gibt es noch heute beim NDR, ein DVD-Set befindet sich z.B. bei den Kulturanthropologen der Mainzer Uni).

Nicht nur für die Serie, und da speziell für gemeinsame Auftritte mit Alexis Korner, schrieb Manfred auch eigene Songs auf Deutsch, von ihm stammen ganze Bluesicals. „Ich hab den Blues schon 'n bisschen länger“ – so hieß es 1982 auf einem Album der Osnabrücker Bluescompany, Musik: Tosho Todorovic, Text: Manfred Miller.
MM (singt): „Ich hab den Blues schon 'n bisschen länger / und nicht erst seit letztem Jahr / Ich hab den Blues schon 'n bisschen länger / und komm ganz gut damit klar." MM & T: „Elvis Presley und Carl Perkins / Hound Dog und Blue Suede Shoes / Little Richard und Chuck Berry / Mensch, das war doch kein Schlagerschmus … “
Das war 1982. 1997 heißt die Miller-Zeile dann: „Ich hab den Blues schon etwas länger“ – sie wird zum Motto einer ganzen Veranstaltungsreihe von SWR 4, Kultursommer Rheinland-Pfalz und der Landeszentrale für Politische Bildung, Anlass: 50 Jahre Rheinland-Pfalz.

Unter dem Titel „Ich hab den Blues schon etwas länger“ versammeln sich 1997 zwischen Burgbühne Kastellaun und Hambacher Schloss, zwischen Burg Waldeck und Mainzer Funkhaus diverse Künstler und Künstlerinnen: Z.B. Joy Fleming, Wolfgang Sauer, Sunnyland Bluesband, Thomas C. Breuer und Nick Benjamin in Millers Blues-Revue mit Blues-Evergreens auf englisch und deutsch.

Oder: Lydie Auvray, Irith Gabrielys Colaleila, Hein & Oss, Black & Pontocs, Hanns Dieter Hüsch, Hannes Wader, Colin Wilkie, Blumfeld, Stoppok, Schnuckenack Reinhardt, Pit Klein, Annette, Kai und Jan Degenhardt (ein Who's Who der einheimischen Folk- und Liedermacherszene) – sie alle feiern, zusammen mit 3.500 Gästen, nachträglich den 65. Geburtstag des Chanson-Poeten Franz Josef Degenhardt. Und Chris Jones & Steve Baker bluesen den Blues in the night.
Die programmatischen Sätze für die Einladung zu diesem Geburtstagsfest stammten, wie so oft, von Manfred Miller. Der saß, wie so oft, während der Konzerte im Übertragungswagen – neben der Toningenieurin und Bluessister Elfie Schleindl. Zusammen mit Elfie hat Manfred übrigens die 5 CDs produziert, die in den 90er Jahren von den Lahnsteiner Bluesfestivals erschienen sind und fast alle mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden.

2008 taucht Millers Satz auf als Titel eines respektablen Sammelbandes: „Ich hab den Blues schon etwas länger – Spuren einer Musik in Deutschland“, herausgegeben von Michael Rauhut und Reinhard Lorenz, Christoph Links Verlag Berlin. Da gibt's einiges von Manfred Miller und über Manfred Miller.
So bezeichnet Christian Pfarr, Musikwissenschaftler und Musikredakteur bei SWR 1 in Mainz, Miller als einen „Enzyklopäden des Blues“ und einen „bürgerlichen Rebell, der als Wissenschaftler, Historiker und Literat den Blues nicht nur kennt, sondern ihn auch lebt und erlebt.“

Manfreds Lebenswerk (bisher jedenfalls) ist wohl sein Buch „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“, Ein gewichtiges Buch, es könnte für zwei bis drei Doktorarbeiten langen, wenn nicht für mehr. „Um Blues und Groove“ erzählt eine ganz andere, unerwartete und unerhörte Geschichte der afroamerikanischen, afrikanischen und abendländischen Musik. Als Belege dienen unter anderm gut einhundert bekannte und weniger bekannte Bluesstücke, die in bewährter Millerscher Manier synchron ins Deutsche übertragen sind.

Siegfried Schmidt-Joos, Millers erster Radiomentor und eine Koryphäe des Musik - Journalismus in Deutschland (genau, der Rock Lexikon-Sigi!), ist vom Buch so begeistert, dass er den Autor in der Nachfolge des großen Jazz-Publizisten Joachim-Ernst Berendt sieht.

Michael Seiz spricht im Fachmagazin bluesnews von einem „imposanten Werk", und vermutet als Zielgruppe vor allem „musik- und kulturwissenschaftlich vorgebildete Kreise“.

Und was sagt die Musik-Wissenschaft? Ich habe mich erkundigt:

Jürgen Hardeck, Professor für Jazz- und Rockgeschichte an der Hochschule für Musik in Mainz (und, genau, auch Leiter des Kultursommers Rheinland-Pfalz) war „total überrascht von der ungeheuren Fülle und Vielfalt des Werks“. Hardeck hat das Buch zusammen mit Manfred Miller und feinstem Jazz an der Mainzer Uni vorgestellt und vergleicht es mit „dem mächtigen Mississippi (...), weil es sich aus so vielen Zuflüssen speist und zum großen Delta von Blues & Groove vereint“.

Michael Rauhut schließlich aus Berlin, Professor für populäre Musik in Kristiansand, Norwegen, schreibt mir am 18. August 2020: „An Manfred Miller hat mich immer fasziniert, dass er verschiedene Reflexionsebenen ganz selbstverständlich miteinander vermählt: Er schließt die Sicht und Sprache des Journalisten mit dem Wissen des Forschers kurz. Ich schätze ihn als Brückenbauer und einen Mann, dessen Herz offenbar weiter für die Sache lodert. Das klingt selbstverständlicher als es ist. – Stark, dass er den Blues-Louis bekommt, er hat ihn verdient“, sagt Michael Rauhut – einer von vielen, die gratuliert haben: dem Preisträger, klar, aber auch unserer Gruppe, für die Nominierung

Blues – das war doch dieser langsame Tanz, Blues – immer traurig und immer 12 Takte. Was 'n Quatsch, aber solchen Quatsch gabs jahrzehntelang hierzulande. Als ob die Leute in die Blueskonzerte gehen, damit sie hinterher so schön traurig sind. Vor- und Fehlurteile dieser Art konnten inzwischen etwas abgebaut werden, auch dank Manfred Millers Arbeiten über (so nennt er sie) die „realistische Unterhaltungsmusik Blues“.

Wäre es möglich, diese Arbeiten und das, was einen bei der Arbeit hält, kurz zu beschreiben?
MM ad lib: „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von Musik nichts.“ (Hanns Eisler)

Dazu fällt mir ein echter Miller ein, aus einer Projektgruppensitzung fürs Mainzer Open Ohr Festival 1985, Thema: „Zukunft“. Programmpunkte und Plakatentwürfe sind schon da, es fehlt nur noch ein schlagkräftiges Motto. Nach mehr als zweistündigem zähen Grübeln und Diskutieren endlich die Erleuchtung: Manfred schlägt einen Spruch vor, der, wie ich finde, zeitlos ist oder zumindest bis heute aktuell, dieser Slogan: „Zukunft – Zwischen Morgen und Grauen“.

Und noch ein Vers von Dir? MM: ein Vers von Peter Rühmkorf: „Bleib erschütterbar - und widersteh.“

Den Lahnsteiner Bluespreis 2020, diesen nach Louis Armstrong benannten BLUES-LOUIS, erhält Manfred Miller – einer von denen, die 1981 dem Festival seine guten Geister eingeblasen haben.

Zu den ersten Gratulanten gehörte jetzt der renommierte Hamburger Autor Detlef Siegfried, Professor für Neuere Deutsche Geschichte und Kulturgeschichte an der Universität Kopenhagen. Sein Hauptwerk, mehr als 800 Seiten über die Jugendkulturen der 1960er Jahre, klingt wie ein Versprechen: TIME IS ON MY SIDE.
In Siegfrieds Mail vom 26. August 2020 heißt es: „Dass Ihr das Lahnsteiner Blues- Festival trotz der widrigen Umstände auf die Beine stellt, ist ja wirklich toll. Und dass Manfred Miller dann auch noch den Blues-Louis bekommt, einfach großartig. Er hat ihn wirklich verdient.“

Detlef Siegfried – mit solchen Sätzen und dieser Haltung könnte er sofort mitarbeiten bei unserer Bluesfestival-Projektgruppe im Verein Lahnsteiner Musikszene.

In ihrem Namen : Glückwunsch, Manni! Halte und erhalte Dich!
MM: ad lib

Denn: Der Blues-Louis und Manfred Miller gehören zusammen wie Boogie und Woogie.


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